Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die üblicherweise gut informierten Tages- und Wochenblätter. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Folgen Sie uns erneut in Städte, Wüsten und auf das weite Meer… Folge II

Von Mauritius sind es nur 136 Seemeilen bis Reunion, und wir erreichen mitten in den Weiten des Indischen Ozeans eine Exklave der Europäischen Union.
Von Petra & Jürgen HEINRICH

Den Kaffee und auch den Museumseintritt bezahlen wir in heimischer Währung. Neun Euro für die Cite du Volkane, die moderne und familienfreundliche Lehranstalt der Vulkanologie. Wer nach Reunion kommt, dem französischen Übersee-Departement, kommt zu den Vulkanen. Der östliche, 3075 Meter hoch, ist vor 20.000 Jahren erloschen und hat eine spektakuläre Regenwald-Landschaft hoher Gipfel und tiefer Täler hinterlassen. Heute ist das UNESCO-Gebiet und nur anspruchsvoll zu erwandern. Den zweiten, den Pilan de la Fournaise, umgibt erstarrte Lava in einer riesigen, zum Meer hin abkippenden hufeisenförmigen Kalde- ra. Mehr als einmal pro Jahr bricht dieser Vulkan aus, und wenn es, wie zuletzt 2007, heftig kommt, ergießt sich eine Unmenge Lava ins Meer und die Insel wird binnen Stunden um einige Quadratkilometer größer. Aller zehn bis 15 Jahre zerstören Ausbrüche die Küstenstraße und mehr.

Wir erhoffen einen freien Blick auf die Feuerstelle, doch immer neue Wolken ziehen heran. 2.631 hoch ist der Gipfel; wir haben das Nachbarplateau auf 2.330 Meter erreicht und müssen uns mit einem „Ameisenlöwen“ begnügen, einem nahen Vulkanchen, so zierlich und zart dampfend, dass man seine Verbindung zur unermesslichen inneren Glut kaum glauben mag. Immerhin: Auch er gehört zu diesem aktuell aktivsten Vulkan der Welt, Besuchermagnet alljährlich für 400.000 Leute.

Der landschaftliche Kontrast ist die Attraktion auf Reunion, einem sonst eher gemäßigten Eiland mit nur wenigen Badeküsten. Die Insel gehört zur Gruppe der Maskarenen. 1511 tauchten die Portugiesen hier auf, später englische Freibeuter und seit 1642 mit Unterbrechung die Franzosen. Die Insel hieß Bourbon nach dem französischen Königshaus, Anfang des 19. Jahrhunderts auch mal Ile Bonaparte, aber dann wieder Bourbone. Napoleons Idee, die Sklaverei wieder einzuführen, erwies sich als wenig zukunftsträchtig, und auch sonst dauerte es lange, bis sich Frankreich seiner tropischen Insel wirklich zuwandte. Noch vor 50 Jahren hieß es in der Beurteilung einer europäischen Kommission, es herrsche Analphabetentum vor „auf dieser afrikanischen Insel.“ Inzwischen ist der Wandel zur Moderne vollzogen. 60 Prozent der jungen Menschen erreichen das Abitur. Tourismus und Zuckerfabriken geben Arbeit. Christen, Hindus, Muslime und Andersgläubige leben ohne Konflikte miteinander, aber es hat sich eine Trennung zwischen der europäisch orientierten Stadtbevölkerung und den Bewohnern des Hochlandes ergeben. Das sind die Nachkommen ehemaliger Sklaven, die Rinderzucht mit Weidewirtschaft und traditionellen Zuckerrohranbau betreiben. Das gelingt, weil Reunion eine der regenreichsten Regionen der Erde ist. Allerdings streifen gelegentlich Zyklone die Insel und richten große Schäden an: Erdrutsche, Stromausfälle und Schlimmeres. nächste Ausgabe: Heimat der Lemuren



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