Reisebericht: Die Kolonistendörfer

Nachdem wir der Oder lange Zeit auf polnischen Wegen folgten, war der deutsche Abschnitt am Grenzfluss zwischen Ratzdorf und Lebus relativ kurz; Küstrin, wo einst der auch für Cottbus zuständige Markgraf seinen Sitz hatte, lockte uns zurück über die Grenze und hat uns nicht enttäuscht. Wir bleiben noch ein Stück im Lebuser Land, der Woiwodschaft Lebus also, früher die brandenburgische Neumark.

„Bes Granice“ (Grenzenlos) nennt sich die Raddampfer-Fähre, die unser Wohnmobil über den Fluss trägt.
„Bes Granice“ (Grenzenlos) nennt sich die Raddampfer-Fähre, die unser Wohnmobil über den Fluss trägt.

In der waldreichen Gegend gehört uns die schmale Straße kilometerweit allein. Außer dem Städtchen Mieszkowice (früher Bärwalde, jetzt gut 3.000 Einwohner) gibt es nur wenige Dörfer. Auch Gozdowice, einst das wendische Fischerdorf Güstebiese direkt am rechten Oderufer, hat nur etwa 100 Seelen aber eine spannende Geschichte und seit 2007 wieder eine Fähre, die uns in das Oderbruch trägt.

Fachwerk und viele schöne Details aus der Kolonistenzeit.
Fachwerk und viele schöne Details aus der Kolonistenzeit.

Im Siebenjährigen Krieg gab es hier eine Brücke, über die Friedrich II. 1758 zur Schlacht bei Zorndorf ritt. Dem Ereignis widmete das Dorf ein Denkmal, das längst durch ein Ehrenmal für polnische Krieger jüngerer Zeit ersetzt ist. Noch vor dem I. Weltkrieg feierte man die Jubiläen des königlichen Feldzuges und Güstebiese machte sich einen Namen als Luftkurort mit Oder-Sandstrand. Seit 1815 verband eine Fähre die Ufer, zwischen denen ab 1945 eine Grenze lag, die auch das Dorf teilte. Optimistische Menschen haben 2007 einen alten Raddampfer aufgetrieben und die Fähre „Bes Granice“ (Grenzenlos) in Betrieb gesetzt.

Der Ort ist voller Straßenschilder. Auf allen steht der gleiche lustige Name. Nur die Hausnummern ändern sich.
Der Ort ist voller Straßenschilder. Auf allen steht der gleiche lustige Name. Nur die Hausnummern ändern sich.
Stattliche Kirche für mehrere Dörfer im östlichen Oderbruch.
Stattliche Kirche für mehrere Dörfer im östlichen Oderbruch.

Wir haben das legendäre Oderbruch erreicht. Uns fällt „Egon und das achte Weltwunder“ ein, die Liebesgeschichte von Joachim Wohlgemuth aus dem Jahre 1962, zwei Jahre später verfilmt. Die Meliorations-Romanze ereignete sich aber bei Neustrelitz in der „Friedländer Großen Wiese“, nicht hier an der Oder. Denn im „Bruch“ hatte längst der Große Friedrich seine Spuren hinterlassen. Das erste Dorf, das er aus dem Wasser des Niederoderbruchs heben ließ, war 1753 Neulietzegöricke. Der lustige Name geht auf Alt-Lietzegöricke östlich der Oder zurück, wo die alten Wenden ihr Dorf in ihrer Sprache „Kahle Hügel“ nannten. Den liberalen Fritz hat der wendische Klang für sein neues Dorf nicht gestört. Der Arier, der Spreewald- und andere Dörfer „eindeutschte“, kratzte erst erst 180 Jahre später seine Spuren in die Landkarte.

Nur am Wochenenden hat das „Kolonisten-Kaffee“ gleich neben der Kirche geöffnet. Die Besucher kommen meist aus Berlin.
Nur am Wochenenden hat das „Kolonisten-Kaffee“ gleich neben der Kirche geöffnet. Die Besucher kommen meist aus Berlin.

Die Neulietzegöricker sind stolz auf ihre Geschichte und hegen ihren rechteckigen Anger mit dem Entwässerungsgraben. Mit dem Aushub enstanden trockene Wohnplätze und auch die spätklassizistische Kirche von 1832 (der Vorgängerbau war abgebrannt) steht auf solch einem Hügel. Gleich nebenan lädt freitags bis sonntags das romantische „Kolonisten-Kaffee“ zum Schälchen Heißen und hausgebackenem Kuchen ein. Vor allem Berliner schätzen diesen Platz und die Wirtin mag die Hauptstädter, solange die nicht auf Neulietzegöricker Immobilien scharf sind. „Die halten sich an keinerlei Regeln!“ Und davon gibt es eine Menge, sonst wäre die Kolonisten-Stimmung nicht an jedem Gartenzaun, jeder Haustür und jedem Briefkasten zu spüren.

Breite Sandbänke in der Oder bei Hohensaaten. Dieser Sommer war keiner für Oderschiffer...
Breite Sandbänke in der Oder bei Hohensaaten. Dieser Sommer war keiner für Oderschiffer…
Keiner zuhause um diese Zeit. Nicht der Dichter wohnte hier, sondern Fontanes Vater Loouis Henri mit seiner Haushälterin.
Keiner zuhause um diese Zeit. Nicht der Dichter wohnte hier, sondern Fontanes Vater Loouis Henri mit seiner Haushälterin.

Auch die Nachbarorte atmen die Romantik des Oderbruchs mit weiten Feldern, schnurgeraden Kanälen und verstreuten Höfen zwischen einigen Straßendörfern bis hin nach Bad Freienwalde. Ein Fachwerkhäuschen im Ortsteil Schiffmühle in den Schlingen der winzigen Alten Oder passt ins Kolonisten-Bild und wurde wegen eines Bewohners namens Fontane berühmt. Nicht der literarische Wanderer Theodor wohnte hier, sondern dessen zuletzt etwas schrulliger Vater Louis Henri Fontane. In „Meine Kinderjahre“ beschreibt der Dichter seinen letzten Besuch hier im Jahre 1867. Bald darauf starb der Papa und sein schlichtes Häuschen  (abends geschlossen) wurde mit Fontane-Stube zur Station im Format „märkische dichter Landschaft“.

Auch für Schleusen war nichts zu tun. Gleich zwei für lange Lastkähne gibt’s in Hohensaaten.
Auch für Schleusen war nichts zu tun. Gleich zwei für lange Lastkähne gibt’s in Hohensaaten.

Uns treibt die Neugier nach , wo es die Ost- und die Westschleuse gibt für den Anschluss an den Oder-Havel-Kanal und zur Friedrichstaler Wasserstraße. Wir finden unseren Mobil-Rastplatz, aber keinen Kahn auf der Oder.

Nächste Folge: Bei Friedrichs Intimus

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