In aller Frühe stürze der Uhrturm ein.

Aus Lieberose hat Rosalinde Weigelt in der Redaktion angerufen. Sie weiß noch ganz genau: „Am 18. August 1975 um 6.30 Uhr ist der Schlossturm eingestürzt. Wenn man heutzutage in der Lieberoser Heide das Schloss fotografiert, ist der Turm vom Rätselfoto nicht mehr da.“ Das bekräftigt auch Ines Krätsch aus der Jahnstraße in Döbern: „Der Uhrenturm verlor durch Absenkung des Grundwassers infolge des Braunkohlebergbaus in der Region an Standfestigkeit und brach 1975 zusammen. Die Geschichte des Schlosses wird im Jahrbuch NIEDERLAUSITZ zwanzig-neunzehn beschrieben. Im April 2022 wurde das Schloss an den Berliner Augenarzt Dr. Thomas Pahlitzsch verkauft. Ein denkmalpflegerisches Konzept, die Sicherstellung des Bauunterhalts sowie die öffentlichen Zugänglichkeit der 34 Hektar großen Parkanlage wurden zugesichert – laut Deutscher Stiftung Denkmalschutz. Der Park ist zugänglich – zumindest dieser Punkt ist erfüllt. Zu den weiteren Punkten liegt mir keine Information vor.“ In einer Juni-Ausgabe diesen Jahres schreibt die Märkische Oderzeitung über den „Stillstand seit der Privatisierung“, und Lieberoser Einwohner sind besorgt, weil die Parkpflege zu wünschen übrig lässt.

Manfred Gnida vom Weinberg in Spremberg gibt uns einen geschichtlichen Überblick: Die Sommertour führt diesmal nach Lieberose und zeigt das Schloss um 1970. Es ist eines der größten Barockschlösser Brandenburgs. Die Ursprünge gehen auf eine Wasserburg zurück, die schon 1301 urkundlich erwähnt wurde. Bis 1519 kam es zu häufigen Besitzerwechseln, und ab dem gleichen Jahr erwarben die Brüder Jacob und Richard von der Schulenburg die Herrschaft. Sie ließen den damaligen Bau zu einer nach Süden offenen zweigeschossigen Dreiflügelanlage ausbauen. Leider wurde durch einen Stadtbrand von 1657 das Renaissaceschloss betroffen, aber duch Baumaßnahmen wiederhergestellt. 1688 bis 1695 wurden barocke Stuckdecken und Ornamente in reichen Formen eingebaut und der Ostflügel um ein Geschoss aufgestockt. Seine heutige Form erhielt das Schloss im 18. Jahrhundert durch den Reichsgrafen Georg Anton von der Schulenburg. Die Südseite wurde mit einem vierten Flügel geschlossen, der gesamte Bau auf ein drittes Geschoss erhöht und unter einem Mansardendach zusammengefasst. An den Westflügel wurde der noch im Rätselbild vorhandene Uhrenturm angebaut. Leider wurde am Ende des II. Weltkrieges der Nordflügel schwer beschädigt, so dass mit einem Teil des Westflügels nach dem Krieg der Abriss erfolgte. Auch wenn es den Uhrenturm nicht mehr gibt, befinden sich auf der Hofseite des Ostflügels der Taubenturm und ein Treppenturm. In Folge der Bodenreform 1945 wurde die Grafenfamilie von der Schulenburg, welche von 1519 bis 1945 hier residierte, enteignet, und das Schloss diente als Berufs- bzw. Finanzschule mit Internat, als Kindergarten und Museum. Ab 1995 folgte Leerstand. Die Brandenburgische Schlösser GmbH hat das Anwesen durch einen Vertrag vom 9.9.2021 an Dr. Thomas Pahlitzsch, Ärzlicher Leiter und Geschäftsführer einer Berliner Augenklinik, verkauft. Eingeschlos- sen sind ein ca 34 Hektar großer Park mit Oberförsterei, Darre, das damalige Gesindehaus, Pavillon, Gärtnerei, Friedhofskapelle und Schlosskirche. Die Darre in einem barocken Wirtschaftsgebäude zerfiel mit der Zeit aber wurde 2012 nach Sanierung als Bürgerzentrum der Stadt für Konzerte, Ausstellungen, Bürgersaal, Touristinformation, Museum und Kultur- arbeiten genutzt. Ein Restaurant ‘Zur Darre hatte zeitweise einen sehr guten Ruf.“

Reinhard Semt schreibt: „Der Nordabschnitt des Westflügels (ehemals links neben dem Turm) wurde 1945 stark beschädigt und nicht wieder aufgebaut. Der Turm selbst wurde zwar repariert, stürzte aber 1975 ein, vermutlich mitverursacht durch den allgemein schlechten Baugrund. Die Häuser im Vordergrund sind durch Um- bzw. Neubaumaßnahmen stark verändert; links ist aktuell die Oberförsterei beheimatet.“
Nur Renate Klaus erinnert sich noch an die Berufsschule mit Internat im Schloss: „Vorwiegend Mädchen wurden hier zu Finanzkaufleuten ausgebildet. Das beste am Internat war eine gute Küche. Alle waren zur regelmäßigen Parkpfelge aufgerufen, aber es war ja sonst auch nichts los an Wochenenden. Beim Dorftanz waren ‘die vom Schloss’ schief angesehen. Das Cottbuser Theater gab einige Vorstellungen, und es gab auch Lesungen. Einmal gastierte Veronika Fischer mit Band, aber das habe ich leider nicht direkt erlebt, weil ich krank war.“
Angelika Tietze aus der Berliner Straße in Forst schreibt: „Jeden Sonnabend hole ich Ihre Zeitung im REWE-Markt und bin auf das Suchbild gespannt. Mit dem Lieberoser Schloss begann mein ‘Ernst des Lebens’. Das Schloss war 1967 die Berufsschule für Finanzbearbeiter und Versicherungskaufleute. Wir waren in diesen Ausbildungsberufen fast alles Mädchen. Das erste Mal in meinem Leben war ich von zu Hause weg. Es war eine schöne Zeit. Mit den Lehrern und Erziehern kamen wir gut klar. Mit Frau Lange bildeten wir einen kleinen Chor und sangen u.a. das Volkslied ‘Ännchen von Tharau’, das mir bis dahin unbekannt war. Im Schloss fand auch Kino statt. Es gab auch in herrlicher Kulisse Aufführungen des Staatstheaters Cottbus.Ich erinnere mich an den ‘Goldenen Hirsch’, wo es das beste Bauernfrühstück und rote Fassbrause gab. Die ganze Berufsschule war dabei, als die KZ-Gedenkstätte Jamlitz eingeweiht wurde. Das war bewegend. Ich glaube es war 1975, als während eines Kinderferienlagers der Turm einstürzte. Zum Glück kam niemand zu Schaden. Leider liegt das Schloss jetzt mehr oder weniger im Dornröschenschlaf. – Danke für das Bild; ich bin auf die Zuschriften gespannt.“
Ganz in diesem Sinne berichtet auch Daniela Jordan: „Ihr Rätselbild war eine sehr große Freude für mich. Ich begann Mitte der 80er Jahre meine Lehre im Lieberoser Schloss. Ein Turm des Schlosses stürzte damals wegen Baufälligkeit ein, wann vor meiner Zeit, weiß ich leider nicht, aber es befanden sich zum Glück nur Fahrräder darin. Mit dem Foto wurden wunderbare Jugenderinnerungen in mir geweckt, auch weil die Welt damals noch eine bessere war. Da verdrängt man auch Zustände, die heute undenkbar wären. Wir waren 8 Mädchen im Zimmer, es gab keine Duschen und die sanitären Einrichtungen waren ständig kaputt. Ich erinnere mich, dass der Quark im Speiseraum aus Emailleeimern mit Kellen auf unsere Teller gegeben wurde. Der Internats- und Klassenrockstar war Malte (Name geändert), welcher sämtliche Mädchenherzen brach. Da spielten sich echte Dramen ab. Besonders problematisch waren die An- und Abreisen, weil nur zweimal am Tag der Bus fuhr. Wenn im nahen Truppenübungsplatz Manöver stattfanden, wackelte das ganze Schloss. Malte ist ein hervorragender Steuerberater geworden, und die prominenteste Schülerin arbeitet heute als Vorstandsvorsitzende der Sächsischen Aufbaubank.“
Zum Foto vom Schloss Lieberose erinnert sich Ute Winkler: „Von 1974 bis 1976 absolvierte ich die Lehre zur Finanzkauffrau und war im Internat. Zu Beginn waren wir 12 Mädels auf dem Zimmer. Unterricht war bis mittags, dann gab es eine Pause und danach wieder Unterricht.Im Zimmer hatte jeder einen Spint und in der Mitte standen Tische und Stühle. Nachmittags konnten wir in die Stadt gehen, nachdem wir uns bei der Kontrolle (ebenfalls Schüler) ausgetragen hatten. Es gab ein Kaufhaus, eine Apotheke und einen Dorfkonsum. Dort konnten wir einzelne Zigaretten kaufen. In den wöchentlichen Arbeitseinsätzen wurden Kohlen reingetragen oder Heu aus dem Schlosspark geräumt. Im Winter waren immer zwei von uns zum Kohlen hochholen verdonnert. Der Hausmeister ging dann, während wir Unterricht hatten, durchs Schloss und hat in allen Zimmern geheizt.
Als wir nach der Sommerpause 1975 zum ersten Durchgang angereist sind, war der Schlossturm eingestürzt. Ein großer Schutthaufen lag links neben dem Tor. Für uns hieß es, ein anderes Zimmer zu beziehen, jetzt mit 16 Mädels. Erzieherin war Frau Kuhpfahl, die schon mal laut geworden ist. Unser Klassenlehrer hieß Lange. Ich glaube, eine Woche lang hatten wir Abschlussprüfungen, jeden Tag in zwei Fächern. Montags war Anreisetag, das hieß für mich, 16 Uhr von Jüterbog nach Berlin, mit der S-Bahn nach Königs Wusterhausen und dann mit dem Bus nach Lieberose, Ankunft 21.30 Uhr. Sonnabens hatten wir bis 12 Uhr Unterricht. Dann ging es über Beeskow, KW und Schönefeld heim nach Jüterbog. Das ist jetzt 50 Jahre her. Letzten Sommer war ich noch einmal am Schloss. Nach all den Jahren hat sich viel verändert und Erinnerungen ließen mich schmunzeln.“
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