Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die üblicherweise gut informierten Tages- und Wochenblätter. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Folgen Sie uns erneut in Städte, Wüsten und auf das weite Meer… Folge III
Von der französischen Insel Réunion sind es 534 Seemeilen (knapp 1.000 km) bis Port d’Ehoaola. Dort liegen wir an der Südspitze vor Madagaskar.
Von Petra & Jürgen HEINRICH

Nein, wir hatten natürlich kein faules Wasser und auch nicht die Pest an Bord. Ganz im Gegenteil: feinste Kost und exzellente Wissenschaftler zu Fauna, Flora und Landeskunde. Die erste Strecke ins Land, das anderthalbmal so groß ist wie Deutschland, fahren wir auf breiter Asphaltstraße. Schwerlaster des Titanbergbaus kommen uns in Richtung Hafen entgegen. Nach wenigen Kilometern biegen wir nach rechts in die Wirklichkeit ab.

Die kaum befestigte Holperstraße führt uns nach Taolanaro, Hauptort der Region Anosy, früher hier am Rande der viertgrößten Insel und seit 1960 des zweitgrößten Inselstaates der Welt, das Paradies der Fischer, die Krabben, Langusten und getrocknete Algen in aller Herren Länder lieferten. Auch Touristen kamen; die lassen sich aber, seit der Bergbau boomt, nur noch ausnahmsweise sehen. Von überallher kommen Glücksritter, und die Prostitution wird den Süden zum Einfallstor von HIV machen. Das normale Volk lebt bitterarm, versucht mit Holzkohle zu handeln, zu stehlen oder sonst wie zu überleben. Einer Tanzgruppe merken wir die Freude an, dass doch noch Gäste kommen, aber Frauen und Männer müssen uns abschirmen von aggressiven Händlern, Bettlern und Dieben.

Das Land mit einzigartiger Natur und reicher Kultur wird miserabel und oft mit brutaler Polizeigewalt regiert. Wir lassen uns auf Getier und Traditionen ein. Madagaskar, vor 50 Millionen Jahren von Afrika abgetrennt, hat eine gänzlich autarke Entwicklung genommen. Alle 150 Froscharten sind hier endemisch, 95 % der 260 Reptilien, die Hälfte der Vögel, und die Lemuren, die es in über 100 Arten nur hier und auf nahen Inseln gibt, sind zu Stars des Subkontinents geworden. Die ringelschwänzigen Kattas, in vielen europäischen Zoos zu finden, sind die Promis unter ihnen. Überall bevölkern sie den leider schon stark reduzierten Bestand an Wäldern und man nennt sie die „Schattengeister der Verstorbenen“. Das passt zum höchst lebendigen Ahnenkult der Madagassen. Ob indogen Gläubige, Christen oder Moslime – alle hängen ihm an.

Alle drei oder fünf Jahre wird der Leichnam ihrer Toten in frische Tücher gewickelt und fröhlich durchs Dorf getragen. Man erzählt sich und den verstorbenen Ahnen, was sich seit der letzten Totenumbettungsfeier familiär und auch sonst ereignet hat. Die Ahnen – sie bleiben die moralische Instanz. Und ihre Gräber werden würdevoll von prächtig geschnitzten Holzstelen eingerahmt. Die Schnitzkunst hat sich dabei auf so hohem Niveau entwickelt, dass sie inzwischen von der UNESCO in die Liste des immateriellen Welterbes aufgenommen ist. Leider findet man nur selten Beispiele dieses Kunsthandwerks, weil die Oberteile der Stelen, schön Tiere, Pflanzen oder Köpfe, abgebrochen und von Touristen geklaut wurden.

Selten, aber als Gipskopien zu haben, sind die Rieseneier des längst ausgestorbenen Straußenvogels, der so hoch war wie zwei Männer. War er das Vorbild für Sindbad Vogel Roch, der lefanten durch die Lüfte tragen konnte? nächste Ausgabe: Im Bahnhof Maputo



















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