Reisebericht: Langer Weg zur Freiheit

Szenenwechsel: Krieg und Krise machen den Deutschen Angst, titeln die üblicherweise gut informierten Tages- und Wochenblätter. Reisen kann helfen, dem Druck zeitweilig zu entkommen. Zu einigen Orten sind die Wege noch frei. Folgen Sie uns erneut in Städte, Wüsten und auf das weite Meer… Folge VI

Wieder in Kapstadt (wie zu beginn der „Szenenwechsel“-Reihe Anfang letzten Jahres). Bei mehreren Visiten in der Stadt war es uns nicht gelungen, Robben Island zu besuchen. Das geht nur vorangemeldet. Diesmal hatten wir das Ticket.

Von Petra & Jürgen HEINRICH

In einem Bilderrahmen ist jetzt der Sehnsuchtsblick von Robben Island zum Tafelberg inszeniert.
In einem Bilderrahmen ist jetzt der Sehnsuchtsblick von Robben Island zum Tafelberg inszeniert.

Vorn rechts am Zugang zur turbulenten Waterfront liegt das Mandela-Museum mit der Fährstation. Wir sind früh dort, um die Dokumentation zu studieren. Der große leere, hallende Raum füllt sich schnell. Hunderte Menschen aus allen Weltteilen versammeln sich mehrmals täglich, um diesen Weg zu nehmen. Jede Fähre fasst etwa 400 Personen. Man sitzt bequem, aber ohne Komfort. Ich erinnere mich an die entsprechende Stelle in Mandelas Buch*: „Wir wurden verlegt, an einen ‘schönen Ort’. Die Insel Robben Island. Zu viert waren wir gefesselt. Im Laderaum einer alten Holzfähre war nur ein Bullauge im Dach, durch das die Wärter auf uns Gefangene pissten.“

Die quirlige Waterfront, auch deren kulinarische Verlockung, bleibt diesmal außen vor; unser Thema heißt Robben Island.
Die quirlige Waterfront, auch deren kulinarische Verlockung, bleibt diesmal außen vor; unser Thema heißt Robben Island.

Unsere Fähre hatte reichlich saubere Toiletten. Dann ging es uns wie Mandela und seinen Freunden 1962: „Wir sahen erstmals die Insel, grün und schön.“ Sie liegt 25 Kilometer vor der Küste, wurde seit dem 17. Jahrhundert für Gefangene hergerichtet, war zwischendurch auch Kolonie für Leprakranke und Irrenhaus. Welchem Zweck sie heute dient neben dem musealen, ist nicht recht ersichtlich. Am Strand tummeln sich nicht mehr Robben, sondern große Scharen Pinguine. Es gibt verschiedene Baustellen, Wohnhäuser und im grünen Rückzugsgebiet auch ein paar Antilopen. Besucher sehen fassungslos die Zellen der Einzelhaft, 1,5 mal 1,5 Meter, anfangs mit nassen Mauern, dagegen die Strohmatte und drei Decken. Sie halfen kaum.
Der farbigeRechtsanwalt Nelson Mandela, Kämpfer für die Rechte seines Volkes, wurde 1962 erstmal hier eingesperrt und kam nach einem international stark beachteten Prozess in Pretoria 1964 ein zweites Mal auf die Insel, nun mit 46 Jahren auf lebenslang. Ohne die weltweite Solidarität wären er und seine Mitkämpfer zum Tode verurteilt worden.

Für uns, die heute Älteren in Ostdeutschland, ist Mandela ein Stück eigener Biografie. Nie haben wir Neger verspottet, sondern Bilder gemalt und ungelenk „Freiheit für Nelson Mandela“ darauf geschrieben, vom Taschengeld Porto gekauft und die Karten nach Pretoria oder dann gleich Robben Island geschickt. Zu hunderttausenden kamen die dort an, nicht nur aus der DDR.

Alle wissen, wie sich das Blatt wendete. Mandela kam frei, bekam mit seinem weißen Regierungspartner den Friedens-Nobelpreis. In drei Jahrzehnten Gefangenschaft, zum großen Teil auf dieser Insel, ließ er sich nicht beugen, trainierte eisern seinen Körper und immer auch seinen Geist. In seinem klugen Buch schreibt er etwas, das auch ins Stammbuch heutiger ostdeutscher Wirklichkeit passt. Als er das Gefängnis verließ, notierte er: „Manche sagen (die Freiheit) sei nun erreicht. Doch dies ist nicht so. Wir sind nicht frei. Wir haben die Freiheit erreicht, frei zu sein, das Recht, nicht unterdrückt zu werden. Wir haben die ersten Schritte auf einem noch langen Weg getan.“

Hunderte Menschen aus allen Weltteilen drängen zur Fähre, die nach Robben Island übersetzt.
Hunderte Menschen aus allen Weltteilen drängen zur Fähre, die nach Robben Island übersetzt.
Drüben geht es in kleinen Gruppen zu den Folterstellen. Ehemalige Häftlinge sind die Erklärer.
Drüben geht es in kleinen Gruppen zu den Folterstellen. Ehemalige Häftlinge sind die Erklärer.

Mandela war ANC-Chef und wurde als Präsident Südafrikas gewählt. Er setzte sich für die Interessen der Schwarzen und der Weißen ein, doch gelangen ihm keine Wunder. Die Häuschen, die er entwickeln ließ mit zwei Zimmerchen, Küche, Wassereanschluss und Abfluss, weil jeder ein Recht habe auf solch ein eigenes Dach überm Kopf, haben nicht gereicht. Die Blechbuden wachsen unermesslich. Der Weg im so schönen Südafrika bleibt noch weit… Schluss

Einzelhaft. 1,5 mal 1,5 Meter misst die Zelle, in der Mandela Jahre gefangen war.
Einzelhaft. 1,5 mal 1,5 Meter misst die Zelle, in der Mandela Jahre gefangen war.

*) Nelson Mandela „Der lange Weg zur Freiheit“, Autobiografie, 1994. SPIEGEL-Edition

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Der Gefängnishof heute in engegengesetzter Blickrichtung
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Mit einem einfachen Hammer mussten Sträflinge fußballgroße Steine zu Kies zermahlen.
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Mandela 1966 in diesem Gefängnishof
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