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„Es geht um Menschen, nicht um Gigawatt und CO2-Mengen…“

23. Februar 2018 | Von | Kategorie: Sonntag im Revier, Top-Themen |

Lausitzer Bergleute und Kraftwerker garantieren sicheren Strom und fordern sichere Perspektive

 

„Es geht um Menschen, nicht um Gigawatt und CO2-Mengen...“

Frank Heinze (l.), Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der Lausitz Energie Kraftwerke AG und Uwe Teubner vom Gesamtbetriebsrat Bergbau achten genau auf die Zeichen des politischen Koalitions-Pokers in Berlin: Energiewende geht in keinem Fall gegen, sondern nur mit der Lausitz Foto: J.Heinrich

 

Region. Nach turbulenten Jamaika- und GroKo-Verhandlungen hat sich das politische Berlin zu parteiinternen Klausuren zurückgezogen. Atempause auch für Lausitzer Betriebsräte und IGBCE-Mahnwachen, die an den Verhandlungsorten Position bezogen hatten. In der Cottbuser Leag-Zentrale sprachen wir mit Frank Heinze und Uwe Teubner.

Entspannt sieht anders aus. Die Leag-Betriebsräte Frank Heinze und Uwe Teubner kennen die 8376 Zeilen des Koalitionspapiers von CDU, CSU und SPD genau. Vor allem die Seiten 71 bis 74, auf denen es um Energie, also um Wind, Sonne und nötige Netze geht. Das Wort Tagebau kommt darin gar nicht vor.

Vor Ort demonstriert
Im ersten Versuch einer Regierungsbildung nach den Wahlen vom 24. September 2017 zwischen FDP, Grünen und den Unionsparteien sah es trübe aus fürs Lausitzer Revier. „Wir konnten da natürlich nicht tatenlos zuhören“, sagt Gesamtbetriebsrat Frank Heinze „An jedem Verhandlungstag der Jamaika-Phase waren wir direkt vor Ort.“ Kein gemütlicher Job bei Winterkälte, aber „wir haben Aufmerksamkeit erreicht, man kam zu uns und fragte“, erinnert er sich. Es sei durchaus auch Sachverstand, nicht nur Ideologie in der Debatte gewesen. Aber fest steht: Mit Jamaika drohten weitere Zwangsabschaltungen von Kohlekraftwerken, und die hätten zuerst Jänschwalde getroffen. Das Unternehmen Leag war akut gefährdet. „Die Dynamik gegen diese Bedrohung ging von unseren Mitarbeitern aus“, erinnert sich Bergbau-Betriebsrat Uwe Teubner. „Wir konnten die Dinge nicht laufen lassen, und die Kollegen am Wochenende aus dem Fernsehen informieren lassen, was schief geht.“

600 Jobs verloren
Prekär bleibt die Situation auch unter GroKo-Vorzeichen. Im Koalitionsvertrag wird auf die „Eckpunkte zur Energiewende“
verwiesen, die SPD- und Unions-Chefs 2015 festgeschrieben haben Unter anderem soll die Sicherheitsbereitschaft fortgelten. Heinze nennt sie eine „erpresste Vereinbarung vor dem Hintergrund angedrohter Klimaabgaben.“ Die Lausitz kostet das Zurückstellen zweier Kraftwerksblöcke in „Sicherheitsbereitschaft“ 600 Arbeitsplätze. Zum Glück schließen Tarifverträge Entlassungen aus. Aber die Realität ist schlimmer, ärgert sich Uwe Teubner: „Wir können 600 junge Leute nicht einstellen. Das ist ein schwerer Schlag für die Lausitz.“ Und Heinze bekräftigt: „Hier sieht jeder: politische Erklärungen, man lasse die Lausitz nicht im Stich, sind nur Phrasen. Keiner hat sich bisher für diese 600 Arbeitsplätze interessiert. Wer dieses Land regieren will, sollte von Energie- und Umweltpolitik zumindest so viel verstehen: Es geht zuerst um Menschen, nicht um Gigawatt und CO2-Mengen.“
Die Gewerkschafter haben in vielen Statements immer wieder gesagt: Wir leben gern hier in der Lausitz, die Arbeit ist gut, aber wir brauchen eine sichere Perspektive. „Diese Sicherheit erkennen wir nicht, obwohl wir Lausitzer im energiepolitischen Zieldreieck Versorgungssicherheit – verlässliche Bezahlbarkeit – Umweltverträglichkeit enorme Verantwortung übernehmen“.

Revierkonzept gestört
2018 muss der erste, 2019 der zweite Jänschwalder 500-MW-Block „in Reserve“ treten. Uwe Teubner: „Im Tagebau haben wir sofort dramatische Auswirkungen. Wir fördern normal 60 Millionen Tonnen im Jahr. Jetzt sind das zunächst fünf, später acht bis 10 Millionen Tonnen weniger. Unsere bisherigen Abbaumengen werden also massiv zurückgefahren und wir müssen uns angesichts immer neuer politisch forcierter Eingriffe fragen, ob wir überhaupt unsere Tagebaue vernünftig in Endlage bringen können.“ Fachleute erinnern sich an Riesenschäden, die bei abrupter Reduzierung der Fördermengen nach 1990 entstanden.
Den Menschen dieser Region hilft eine solche Politik nicht. Frank Heinze verweist darauf: „Wir reden von 8000 gut bezahlten Leuten in Kraftwerken und Tagebauen oder inklusive Dienstleistern, die von uns leben, eben auch von weiteren 16 000 Menschen und deren Familien.“

Abläufe organisieren
Wenn ein Werk demnächst still steht, werden, ohne dass es produziert, etwa 30 Prozent der Mannschaft gebraucht. Den unternehmerischen Aufwand für den technologischen Nonsens gleicht der Staat aus. Aber funktioniert das technisch überhaupt? Frank Heinze nickt und erklärt durchaus stolz: „Wir haben an der Stelle hochqualifizierte Mannschaften, erstklassige Ingenieur- und Forschungsleistungen stehen dahinter.“ Aber er fügt auch an: „Über Arbeitszeitsysteme und andere Lösungen muss die Bereitschaft organisiert werden, und zwar so, dass auch die Interessen der Mitarbeiter und ihrer Familien gewahrt sind. Da befinden wir jetzt uns jetzt noch mitten in der Debatte.“
Das Potenzial dieser Lausitzer Fachkräfte ist gewaltig. „Ich bin sicher“, sagt Uwe Teubner, „falls gefordert, liefert Jänschwalde innerhalb von zehn Tagen, wie vereinbart, mit allen Blöcken die geforderte Leistung. Immer wenn es drauf ankommt, meistern die Kumpel jede Herausforderung. Das war immer so und daran wird sich nichts ändern.“

Zeit für Strukturwandel
Genau hier setzt das Zukunftsdenken an: „Solange Speichertechnologie und Ausbauzustand der Stromnetze den Anforderungen einer geplanten Energiewende nicht genügen, sorgen wir mit gutem Strom für Sicherheit“, bekräftigt Frank Heinze. „Parallel brauchen wir die zeitliche Chance, den Strukturwandel sinnvoll zu entwickeln.“ Teubner: „Wir schauen, was wir als Energie-Profis, in der Zukunft machen können. Speicher zum Beispiel. Standbeine schaffen, damit unsere Leute weiter gute Arbeit haben und in der Lausitz bleiben können.“
In den GroKo-Gesprächen war bereits von einer Kommission die Rede, die das Thema Energiewende begleiten soll. Frank Heinze sagt: „Falls die nicht von vorn herein als eine Kohleausstiegskommission angelegt wird, ergibt das Sinn. Vorstellbar ist ein begleitendes Monitoring, wie in anderen Wirtschaftsbereichen.“ Geschrieben steht auch, man wolle die Wissenschaft stärken, etwa mit einem Frauenhoferinstitut. „Sehr gut!“ lobt Heinze. „Warum sollte solch ein Institut nicht hier in Cottbus angesiedelt sein, eng angelehnt an unserer Brandenburgischen

Technischen Universität?“
Die energiepolitischen Überlegungen des Koalitionspapiers sind auf Versorgungssicherheit durch internationale Vernetzung und auch Forschung angelegt. Das Lausitzer Revier war dabei auch hinsichtlich der Emissionen schon weit vorangekommen. Die CCS- Technologie, die letztlich an der Lagerung des Gases scheiterte, bleibt international interessant; wenn auch nicht in der Braunkohleverstromung, so doch für andere Industriebranchen. Wie auch immer die Zeichen im politischen Berlin gestellt werden – die Lausitz darf nicht abgehängt sein. „Wir haben seit 1990 hier den größten Beitrag zur Verbesserung des Umweltschutzes geleistet“, fasst Frank Heinze zusammen. Beide Betriebsräte verweisen auf ein Revierkonzept, das von wirtschaftlich zuverlässiger Verstromung der Kohle ausgeht und dabei Nachfolgekosten und Strukturentwicklung im Blick hat. Gute Politik, wird auf die Lausitz zählen können. So wie es umgekehrt sein sollte. Falls erforderlich, ziehen die IGBCE-Leute wieder das winddichte Winterzeug an und mahnen vor den Türen der Parteizentralen und Verhandlungshäuser.




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